Liebe Gemeindeglieder


Erntedank – ein Fest, das in unserer Kirche nicht hoch genug einzuschätzen ist! Warum? In unserer Zeit scheint doch alles selbstverständlich: frische Erdbeeren zu jeder Jahreszeit, Fertiggerichte und sei es Bœuf Stroganoff aus der Tiefkühltruhe, ein Wunschkind maßgeschneidert aus der Retorte und für 80,- € vom Flughafen Hahn nach Lissabon und wieder zurück! In unserer Zeit finde ich es wichtig, sich bewusst zu machen: Es ist längst nicht alles selbstverständlich!

Wenn ich für 80,- € nach Lissabon und wieder zurückfliege, dann geht das vor allem auf Kosten des Flugpersonals, die für immer weniger Gehalt mehr leisten müssen!

Wenn ich frische Erdbeeren zu jeder Jahreszeit in meinem Discounter erwarte, dann wird dafür jede Menge Wasser und Energie verbraucht, die für Anderes besser eingesetzt wären.

Wenn ich mir ein Wunschkind meine maßschneidern zu müssen, dann verspotte ich geradezu den Schöpfer-Gott und begegne vielleicht sogar Menschen, die nicht meiner Vorstellung von Normalität entsprechen, mit Missachtung.

Erntedank
hat für mich viele Dimensionen: Sicherlich steht an erster Stelle der Dank für Gottes gute Schöpfung, für die reiche Ernte an Obst, Gemüse und Getreide. Allein eine gute Ernte, wissen wir, ist nicht selbstverständlich und hängt von vielen Faktoren ab, die der Mensch nicht beeinflussen kann. Darum besitzt Erntedank eine Dimension, die mich vor allem die Schöpfung in den Blick nehmen lässt. Dazu zählt vieles! Vor allem aber geht es um das Leben, das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen!

Gott ist ein Liebhaber des Lebens! Darum ist unsere vornehmste ethische Aufgabe, alles dafür zu tun, das Leben zu bewahren und zu erhalten. Darum mache ich meine Fragezeichen an eine Haltung, wie ich sie heute häufig entdecke: Es muss alles preiswert, ja billig sein! Mein Flugticket genauso wie das Rindfleisch oder das Gemüse im Supermarkt! Die Schnäppchenjägerei fragt nicht nach Risiken und Nebenwirkungen und fragt vor allem nicht nach den Folgen für andere! So bleibt die Achtung vor dem Leben und den Überlebenschancen anderer leicht auf der Strecke.

Erntedank hat eben auch eine soziale und politische Dimension. Ich selbst gehöre gewiss nicht zu den Aktivisten, die z.B. vor jedem Kauf eines Kleidungsstückes die Frage nach der Herkunft stellen oder Wert darauflegen, dass alles, was ich einkaufe, mit einem Fairetrade-Siegel versehen ist. Aber auf ein bisschen Sensibilität für die Zusammenhänge meines Konsumverhaltens lege ich schon Wert.
Es ist eben nicht damit getan, sich auf die Brust zu klopfen wie in der Geschichte vom reichen Kornbauern, der zu sich selbst sagte: „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ (Lk 12,19). Gott hat von ihm in derselben Nacht seine Seele, d.h. sein Leben gefordert.

Es gilt, den Egoismus zu überwinden und auch andere in den Blick zu nehmen! Gott als Liebhaber des Lebens will, dass alles Leben zu seinem Recht findet.


Erntedank
öffnet mir die Augen für die wunderbare Schöpfung, die Gott uns Menschen anvertraut. Erntedank lehrt mich das Staunen und weckt in mir die Dankbarkeit für alles, was im Leben gelingt! Erntedank hat eben viele Dimensionen: Schließlich kann Erntedank mich zu einer neuen Bescheidenheit leiten, die mir und meiner Umwelt gut zu Gesichte steht.

Ich bin vor allem dankbar für Familie und Freunde, für die Arbeit und die Freizeit; ich bin dankbar für viele gute Kontakte zu anderen Menschen, für Begegnungen, Gespräche und neue Entdeckungen. Vielleicht machen Sie ja auch zu Erntedank Ihre eigenen und besonderen Entdeckungen!

Uwe Schmidt, Pfarrer


Uwe Schmidt, Pfarrer Evangelische Kirchengemeinde Neunkirchen
Synodalassessor im Kirchenkreis Saar-Ost sowie Synodalbeauftragter für das Christlich-Islamische Gespräch
Uwe Schmidt, Pfarrer
Sebachstraße 5
66539 Neunkirchen-Furpach
Telefon: 06821/ 17 74 92
Telefax: 06821/ 17 74 97




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