Kurswechsel an Bord der Arche Noah


Seit 22 Jahren begleiten wir Kinder in der Arche in ihrer Entwicklung. In unserer pädagogischen Konzeption ist damals wie heute Dreh- und Angelpunkt der Blick auf die Bedürfnisse und Interessen der Kinder.

An den Interessen der Kinder orientieren sich die Gestaltung der Räume, sowie die Vielfalt der pädagogischen Angebote. Eigentlich ganz gut – aber es geht noch besser!

Im vergangenen Jahr haben wir im Teamreflektiert, wie wir Räume und Angebote noch bedürfnisorientierter gestalten können. In den 5 Gruppenräumen wurden jeweils für 25 Kinder insgesamt 7 Bildungsbereiche angeboten. So gab es in jedem Raum z.B. einen Maltisch, einen Spieltisch, eine Rollenspielecke, eine Bilderbuchecke, eine Bauecke usw. Von allem ein bisschen, aber für nichts genügend Platz.

Es kam oft zu Streit, weil nur drei Kinder auf dem Bauteppich Platz hatten, aber sechs Lust zum Bauen hatten. Großflächig bauen ging leider auch nicht, weil direkt daneben der Maltisch und die Puppenküche stand. Das Dilemma: Wir wollten, dass jedes Kind mit all seinen Interessen im Mittelpunkt steht! Aber nicht jedes Kind konnte seinen Bedürfnissen folgen, weil der Platz nicht ausreichte. Wir haben uns viele Gedanken gemacht und möchten unser neues Konzept einer bedürfnisorientierten offenen pädagogischen Arbeit vorstellen:

Wir bieten nicht mehr alle Bildungsbereiche in jedem Gruppenraum an mit einer festen Zugehörigkeit der Kinder zu einer Gruppe. Sondern die Bildungsbereiche verteilen sich im Haus in einzelnen Bildungsräumen. Somit hat jeder Raum nur noch ein einziges Thema haben. Dies bedeutet, es gibt einen Raum zu Bauen und Konstruieren, einen Rollenspielraum, ein großes Atelier in der ehemaligen Turnhalle, eine Ruheoase, einen Raum für Bewegung und je einen Raum zum  Forschen und Experimentieren, für Spiele, Bilderbücher und Sprache, einen Raum für Religiöse Angebote, sowie einen Raum nur für die Schulkinder. Ganz schön viel Raum – wie gut, dass unser großes altes Haus über so viele Möglichkeiten verfügt.

Jedes Kind soll  je nach Interessen selbst auswählen können, mit wem es wann in welchem Raum spielen möchte. D.h. jedes Kind kann individuell seinen Bedürfnissen und Interessen folgen. Um dies alles in die Tat umzusetzen, bedurfte es sehr viel Reflexion, Organisation und Vorbereitung.

Das Team hatte sich im Vorfeld intensiv fachlich mit dem Thema „offene Arbeit“ an pädagogischen Tagen und Fortbildungen auseinandergesetzt. Kinder und Eltern waren an der Planung beteiligt. Und dann ging’s  los. Der Plan war gemacht, alle waren hochmotiviert und im November sind wir umgezogen  in den Räumen. Die Kinder beteiligten sich, packten Umzugskartons und brachten ihre Spielsachen selbst an Ort und Stelle, die Großen transportierten Tische und Schränke treppauf und treppab. Alle Erzieherinnen und Erzieher hatten sich ebenfalls nach ihren persönlichen Stärken für einen bestimmten Bildungsbereich entschieden. Auch das ist wertvoll für Kinder, dass sie von Fachkräften begleitet werden, die genau das tun, was sie am liebsten tun mit Kindern.

Das WILLKOMMEN hat in der offenen Arbeit eine besondere Bedeutung. So wird jedes Kind mit seiner Familie im Eingangsbereich  persönlich begrüßt und erfährt schon beim Ankommen, welche besonderen Angebote es in den einzelnen Bereichen gibt, die vielleicht seinen Interessen entsprechen. Eine große Moderationswand dient der Orientierung für die Familien, um sich im Haus zurechtzufinden. Dort ist sichtbar, welche Erzieherinnen und Erzieher in welchem Bereich tätig sind und welche Räume zu welchen Zeiten geöffnet sind.

Nach der Erprobungsphase seit  November 2019 steht fest: Es hat sich gelohnt! Kinder, Eltern und Mitarbeiter sind sehr zufrieden. Das Highlight für die Kinder ist zweifelsohne, der Platz und der Freiraum zum Spielen. Da jeder Raum nur noch ein einziges Bildungsthema hat und eine Vielfalt von dazugehörigen Materialien bereit stehen, können sich die Kinder nach ihren Interessen intensiv in ihr Tun vertiefen. Kinder wählen selbst aus, was sie mit wem und wie lange spielen möchten – ein großer Schritt in die Selbstständigkeit.

In unseren Teamsitzungen reflektieren wir regelmäßig die pädagogische Arbeit im Hinblick auf unsere Beobachtungen und die Rückmeldungen der Kinder, um so die Angebote an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten. Somit ist die Veränderung unser ständiger Begleiter. Unser Fazit nach der Erprobungsphase: Es gibt weitausweniger Streit und aggressive Verhaltensweisen, das Haus ist ruhiger geworden und die Kinder und ihre Erzieherinnen und Erzieher zufriedener.

Bedürfnisorientierte offene Arbeit hat viele Gesichter. Der Begriff wird oft mit Funktionsräumen, offenen Türen und gruppenübergreifenden Angeboten verbunden. Das ist aber viel zu kurz gedacht. Offene Arbeit ist in erster Linie von einer offenen Haltung gekennzeichnet, einer Haltung, die offen ist für unterschiedliche Entwicklungswege von Kindern, für Zweifel an unseren Gewohnheiten und Gewissheiten, für neue Blickwinkel und ungewöhnliche Lösungen. Offene Arbeit bedeutet eine unvoreingenommene Offenheit für alle Kinder! Ein wichtiges Anliegen dabei ist es, Kindern ein Höchstmaß an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zu ermöglichen und ihnen alle denkbaren Chancen zu einzuräumen, sich in der Gemeinschaft wohl zu fühlen. Dazu braucht es  Orte, an denen Lebenslust, Individualität und Weltendeckung möglich sind.

Offene Arbeit ist kein Konzept, das an einfach implementieren kann, es ist ein Prozess, an dem alle Beteiligten mitwirken, ein Prozess der sich entwickelt und sicherlich immer wieder Überraschungen bereithält. Wir freuen uns darauf J

(Petra Hübchen)


Petra Hübchen Evangelische Kindertagesstätte "Arche Noah"
Petra Hübchen
Goethestraße 24-26
66538 Neunkirchen
Telefon: 06821 / 2 18 20




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