Pilgern heißt, mit den Füßen zu beten


Anja Stuber pilgert gerne, worüber sie in einem Interview erzählt:

Wann bist Du das erste Mal gepilgert?
Angefangen hat alles im April 2017 mit einer Pilgerwanderung der „Sankt Jakobus-Gesellschaft Schaumberger Land“, zu der ich mich spontan angemeldet habe. Dort bin ich auch meiner Pilgerschwester und späteren Freundin zum ersten Mal begegnet. Es war damals eine Pilgertour mit anschließendem Pilgersegen geplant. Auch wenn ich damit nicht viel anfangen konnte, dachte ich mir, würde es nicht schaden, einmal einen „Spaziergang“ in einer Gruppe zu machen. Und dann war es alles andere als ein Spaziergang! Letztendlich war es eine sehr heilsame Erfahrung, in genau dieser Gruppe unterwegs gewesen zu sein. An jenem Tag empfing ich dann meinen ersten Pilgersegen - und es sollte nicht der letzte sein. Fortan zog es mich immer wieder auf den Jakobsweg – der ja bekanntlich vor der Haustür beginnt.


Welche Wege bist Du schon gegangen?
Ich war schon mehrere Tage und Wochen auf der Via Regia unterwegs, einem ökumenischen Pilgerweg von Erfurt nach Eisenach, auf dem Lutherweg von Bad Vilbel nach Worms, auf dem Portugiesischen Jakobsweg von Porto und auf dem Englischen von Ferrol nach Santiago de Compostela. Hinzu kommen noch viele Tagestouren in Deutschland. Es ist macht für mich einen großen Unterschied, ob ich in Deutschland unterwegs bin oder im Ausland mit dem Ziel Santiago.


Welches Gepäck hast Du dabei?
Das kommt darauf an, wie lange ich unterwegs bin und was alles in den Rucksack passt.


Was bedeutet Pilgern für Dich?
Pilgern bedeute für mich, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, zu schweigen, keine Erwartungen Anderer erfüllen zu müssen und Abstand vom Alltag zu gewinnen.


Kamst Du mit anderen Pilgern ins Gespräch? Weißt Du etwas über deren Gründe zu pilgern?
Unterwegs trifft man immer wieder die gleichen Leute. Man isst und trinkt zusammen, man teilt, was man hat. Es entsteht eine gewisse Vertrautheit. Nach meiner Erfahrung erzählt man auch etwas über sich, was man nicht mit der Familie oder Freunden beredet. Es ist immer jemand da der auch NUR zuhört. Einige machen Urlaub auf dem Weg, andere sehen ihn als sportliche Herausforderung und wieder andere wollen in ihrem Leben einmal etwas Besonderes machen.


Pilgerst Du lieber alleine oder mit anderen Menschen zusammen?
Ich bevorzuge es, allein zu pilgern, bin aber auch gerne mit Maritta und Rainer unterwegs. Gerne schließe ich mich auch hin und wieder einer Gruppe an. 


Wie sieht ein Tag bei Dir aus, wenn Du unterwegs bist?
Aufstehen, anziehen, Toilette machen, Rucksack packen, frühstücken, das Höhenprofil der Strecke anschauen und los. Und unterwegs heißt es, die Kräfte einzuteilen und Pausen nicht nur zu planen, sondern auch zu machen.


Welche Rolle spielen Gott und der Glaube auf dem Weg?
Über Gott habe ich mir auf meinen Wegen nicht wirklich Gedanken gemacht. Als ich mit Maritta zum ersten Mal auf dem Jakobsweg war, habe ich morgens vor dem Loslaufen immer einen kleinen Impuls etwa in Form einer Geschichte, eines Psalms oder der Tageslosung gelesen. Das hat uns beiden gut gefallen und wir denken noch oft daran.


Hat das Pilgern etwas bei Dir verändert?
Ich habe erkannt, dass nur MEIN Tempo zählt und ich schaffe es! Diese für mich wichtigste Erkenntnis kostete mich viel Schweiß, Schmerzen und Tränen. Und ich habe gelernt, dass man mit viel weniger auskommt, als man denkt, und, das mag abgedroschen klingen, der Weg das Ziel ist und der Jakobsweg vor der Haustür beginnt.


Kannst Du von einer besonderen Erfahrung oder einem besonderen Erlebnis erzählen?
Einmal hatte ich, als ich eine Kirche besichtigte, einen Ohrwurm, den ich leise vor mich hinsang. Eine Nonne forderte mich dann auf, so laut zu singen, dass jeder mich hören konnte. Das habe ich dann auch aus vollem Herzen getan.

Außerdem ist es ein erhabenes Gefühl, wenn nach einem langen Weg in Santiago de Compostela ankommt und auf dem Platz vor der Kathedrale steht. Da kommen einem die Tränen in die Augen.

Und noch eine witzige Geschichte fällt mir ein: Ich war mit Maritta hier in der Nähe auf dem Jakobsweg unterwegs und wir haben an einer Stelle irgendwie den Wegweiser übersehen. Also haben wir an einer Haustür nach dem Jakobsweg gefragt und bekamen als Antwort: „Wie? Sie wollen heute noch nach Santiago?“

Das Interview führte Michael Hilka.


Michael Hilka, Pfarrer Evangelische Kirchengemeinde Neunkirchen
Michael Hilka, Pfarrer
66538 Neunkirchen
Telefon: 06821-8530




Zurück