Barmherzig auf dem Weg zu einer digitalen Kirche


Die Corona-Pandemie hat im vergangenen Jahr unser aller Leben auf den Kopf gestellt. Die Zahl der an dem Virus erkrankten und verstorbenen Menschen ist weltweit erschreckend hoch. Die Einschränkungen verbunden mit dem Lockdown haben ungeheure und zum Teil noch nicht absehbare ökonomische Folgen.

Viele Menschen stehen vor einem wirtschaftlichen Ruin. Insbesondere sind die Gastronomie und die gesamte Reiseindustrie betroffen. Die Grenzen innerhalb Europas wurden zeitweise geschlossen. Längst überwunden geglaubte Ressentiments unter europäischen Nachbarn sind wiedererwacht.

Die Kirchen haben gerade in der Weihnachtszeit darum gerungen, ob sie sich einem harten Lockdown anschließen und die Präsenz-Gottesdienste an Heiligabend und Weihnachten generell absagen. Viele Kirchengemeinden haben aus Fürsorge um die Menschen so entschieden und ihre Kirchen geschlossen. Andere haben unter Auferlegung strenger Hygienemaßnahmen Gottesdienste in Präsenz gefeiert. Es gab und gibt für jede Entscheidung gute Gründe. Die Corona-Pandemie hat für viele Unsicherheiten gesorgt und stellt vor große Herausforderungen im Miteinander in Kirchen und Gesellschaft (siehe auch die Demonstrationen der Corona-Leugner).

Das Corona-Virus hat andererseits der Digitalisierung in der Gesellschaft und in unseren Kirchen einen ungeheuren Schub verliehen. Kirchengemeinden produzieren Gottesdienste, die sie online stellen. Viele Gemeinden haben ihre eigenen YouTube-Kanäle eingerichtet. Pfarrerinnen und Pfarrer beginnen, den Dschungel der Social Medias zu erobern. Online-Unterricht gibt es nicht nur im schulischen Bereich, sondern ebenso in der Konfirmandenarbeit. Für Presbyterien und andere Gremien sind Videokonferenzen längst Routine geworden. Selbst Synoden bis hin zur Landessynode (einschließlich der Wahl eines neuen Präses wie im Januar 2021 für die EKiR) tagen ausschließlich virtuell.

Die Kirchen verdanken der Corona-Pandemie die Erschließung neuer Wege, die Menschen mit der frohen Botschaft von Jesus Christus vertraut zu machen. Das alles ist kein Nachteil. Im Gegenteil: Unsere Zeit braucht mehr denn je die frohe und ermutigende Botschaft, dass Gott das Heil und Glück für alle Menschen will. Wenn uns die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr etwas gelehrt hat, dann wie wichtig und heilsam Empathie, Hilfsbereitschaft und Solidarität unter Menschen sind.

In Zeiten des harten Lockdowns und der absoluten Kontaktbeschränkungen gab und gibt es viele Aktionen der Nachbarschaftshilfe: Jüngere erledigen für Ältere die Einkäufe, kleinere Gruppen musizieren vor Altenheimen oder auf den Balkonen wird spontan für Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte applaudiert. Nächstenliebe gewinnt durch Corona neue Gestalt.

Die Jahreslosung für 2021 rückt den Begriff der Barmherzigkeit in den Fokus. Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! (Lk 6,36) Die mittelalterliche Kirche hat in Anlehnung an die Endzeitrede Jesu im Matthäusevangelium (Mt 25,31-46) von den sieben Werken der Barmherzigkeit gesprochen: die Hungernden speisen, den Durstigen zu trinken geben, die Nackten kleiden, die Fremden aufnehmen, die Kranken besuchen, die Gefangenen besuchen und die Toten begraben.

Evangelische Christinnen und Christen wissen, dass aus dem Glauben gute Taten folgen. Wir können gerade in dieser besonderen Zeit konkrete Taten der Nächstenliebe häufig erleben. Das ermutigt für das neue Jahr 2021. Als Kirche bleiben wir wichtig! Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, hat die Bedeutung von Kirche im Juni vergangenen Jahres treffend formuliert: „Die Kirche, das Evangelium sind nicht systemrelevant, sondern existenzrelevant!“

Uwe Schmidt, Pfarrer

 


Uwe Schmidt, Pfarrer Evangelische Kirchengemeinde Neunkirchen
Synodalassessor im Kirchenkreis Saar-Ost sowie Synodalbeauftragter für das Christlich-Islamische Gespräch
Uwe Schmidt, Pfarrer
Sebachstraße 5
66539 Neunkirchen-Furpach
Telefon: 06821/ 17 74 92
Telefax: 06821/ 17 74 97




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